
Nun ist es schon fast einen ganzen Monat her, dass Hannah und ich nach Nicaragua aufgebrochen sind.
Wo fängt man am besten an, wenn man jeden Tag viele neue Erfahrungen macht, unzählige Menschen kennen lernt, deren Namen man leider nicht behalten kann, weil er so kompliziert erscheint? Beginnen wir einmal so: Am letzten Sonntag ging es für uns nach dreieinhalb Wochen in der Sprachschule in unser Projekt in Waslala. In der Schule in der Großstadt Estelí haben wir natürlich viel Spanisch gepaukt, um uns fit für unser Projekt zu machen. Meine Lehrerin hat mir "nicaraguanismos" beigebracht. Dies sind Wörter, die ausschließlich in Nicaragua gesprochen werden und die uns besonders in unserem Projekt nützlich sind. Am vergangenen Samstag kam Mareike, unsere Projektvorgängerin, mit ihren beiden Freundinnen Julia und Elvira nach Nicaragua. Wir sind Mareike sehr dankbar, dass sie uns gewissermaßen in die Arbeit vor Ort einführt. Und obwohl Julia und Elvira nur wenig Spanisch sprechen, macht es auch ihnen viel Spaß, dabei zu sein. Am Sonntagmorgen galt für uns: Nur der frühe Vogel fängt den Wurm! Um fünf Uhr standen wir auf, um unsere neunstündige Reise nach Waslala anzutreten. Anstrengend waren vor allem die Hitze und das ewige Geschaukel des Busses, sodass ich eine Zeit lang betete, dass mein Koffer nicht vom Dach fallen würde. Zum Glück ging alles gut und schließlich kamen wir durchgeschwitzt in der Parroquia an. Padre Anelio und der Freiwillige Jean Marcus - beide brasilianischer Herkunft - warteten schon auf uns. Wir werden in der ersten Woche noch nicht in unser eigenes Haus ziehen, sondern im großen Pfarrhaus wohnen. Das neu gebaute Haus der Freiwilligen liegt aber in unmittelbarer Nähe des Pfarrhauses und der schönen Kirche. Unsere Aufgabe wird es nun sein, das Haus für uns und für zukünftige Freiwillige herzurichten. In unseren ersten Wochen werden wir in alle Arbeitsbereiche der Gemeinde hineinschnuppern, um uns ein Bild von unseren möglichen zukünftigen Tätigkeiten zu machen. Unter anderem ist da der Bildungsbereich zu nennen. Ich würde gerne Unterricht in der Schule hier im Ort geben. Des Weiteren gibt es vielfältige Pastoral- und Katechese-Angebote, die ich gerne unterstützen würde. Im Moment ist es für Hannah und mich wichtig, erst einmal Kontakte zu knüpfen und uns hier in Waslala einzuleben.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass es mir gut geht und dass ich mich wohlfühle, obwohl vieles natürlich fremd und ungewohnt ist. In Waslala ist die Armut noch deutlicher als vorher in Estelí zu spüren. Viele betrunkene Männer torkeln schon am frühen Vormittag über die Straßen, Müll liegt auf und abseits der Wege. Oft kommen verzweifelte Männer und Frauen zum Pfarrhaus, um Geld zu bitten. Die Anliegen sind meist dringend und dennoch muss der Priester manchmal Hilfe verweigern, weil einfach nicht genug da ist. Auch das ist eine Metapher für das Dilemma der Hilfe: Man kann nicht jedem unter allen Umständen helfen. Gleiches gilt für das Vertrauen. Leider ist in allen Beziehungen, die wir aufbauen, immer auch ein wenig Misstrauen einbegriffen, welches unserem Selbstschutz dient. Besonders gilt dies für materielle Dinge. Hannah musste dies schon erfahren. Ihr fehlte in ihrer Gastfamilie plötzlich Geld, das sie aber anschließend wieder zurückbekam. So gibt es natürlich auch Menschen, die uns enttäuschen und die eine Freundschaft einzig und allein wegen unseres Reichtums aufbauen wollen.
All dies ist Ausdruck der Perspektivlosigkeit der Menschen und doch gibt es viele, die die Hoffnung trotz aller Widrigkeiten nicht verlieren.
Viele Grüße in die Heimat
Tobias van Nüß, 01. September 2010
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