Freiheit, Erinnerung und Verantwortung am Willibrord

In den Niederlanden ist der 5. Mai ein Feiertag: „Bevrijdingsdag“. Festivals, Konzerte, Gedenkveranstaltungen erinnern an das Ende der deutschen Besatzung im Jahr 1945. Auch in Emmerich rückte an diesem Tag der Zweite Weltkrieg am Willibrord-Gymnasium ins Bewusstsein. Doch eine schlichte Frage von Gastredner Wiel Lenders löste Nachdenklichkeit aus: Wann wird eigentlich in Deutschland das Kriegsende begangen? Jener Moment, an dem letztlich auch die Deutschen selbst von einem verbrecherischen Regime befreit wurden? Niemand aus den Reihen der Schülerinnen und Schüler konnte die Antwort sicher nennen.

Lenders, ehemaliger Direktor des Freiheitsmuseums in Groesbeek und ausgewiesener Historiker der Region, war auf Einladung des Geschichtsleistungskurses und der neunten Klassen ans Willibrord-Gymnasium gekommen, um über den Zweiten Weltkrieg am Niederrhein zu berichten. Sein Vortrag war alles andere als eine trockene Faktenreihe: kommunikativ, anschaulich und im Dialog mit den Jugendlichen, gelang es ihm, die Vergangenheit unmittelbar erfahrbar zu machen.

Gleich zu Beginn konfrontierte Lenders sein Publikum mit einer Frage nach den tatsächlichen Opferzahlen des Krieges. Erste Schätzungen wurden geäußert, doch als er die Zahl von 70 bis 80 Millionen Toten präsentierte und sie mit einem regionalen Vergleich greifbar machte, trat Stille ein, gefolgt von entsetztem Getuschel: Sechs Jahre lang verlieren jeden Tag alle Menschen einer Stadt wie Emmerich ihr Leben. Die größte humanitäre Katastrophe der Menschheitsgeschichte, in Zahlen gefasst, die plötzlich einen Ort und ein Gesicht bekamen.

In weiteren Abschnitten seines Vortrags beleuchtete Lenders verschiedene Aspekte des Kriegsgeschehens am Niederrhein: die systematischen Bombardierungen der niederrheinischen Städte, die verheerenden Boden- und Luftoffensiven sowie die Flucht und Vertreibung der Zivilbevölkerung. Geschichte, die buchstäblich vor der Haustür stattfand.

Doch Lenders blieb nicht in der Vergangenheit stecken. Sein Blick richtete sich auch auf das, was aus dem Schrecken erwachsen ist: 80 Jahre Frieden und Integration in Europa. Bereits kurz nach Kriegsende, mit der deutsch-französischen Aussöhnung als Fundament, begann ein historisch einmaliges Projekt des gemeinsamen Aufbaus. Dieses Erbe, so Lenders eindringlich, dürfe nicht leichtfertig aufs Spiel gesetzt werden.

Als Bild für dieses Erbe wählte Lenders den Vergleich mit einem dreiseitigen Diamanten: Freiheit, Demokratie und Rechtsstaat. Drei Seiten eines kostbaren Schatzes, den es zu bewahren gilt. In Europa können Menschen auf diesen Schatz noch zurückgreifen; in weiten Teilen der Welt, in drei Vierteln aller Staaten, ist dies so nicht mehr der Fall. Genau deshalb, so sein Appell, müsse Europa – müssten wir – eine Vorreiterrolle einnehmen und für diese Werte eintreten. Der Weg dorthin führt über Wissen, das heißt Geschichte kennen sowie Zusammenhänge wirklich verstehen und letztlich die aktive Teilnahme am gesellschaftlichen Leben.

Was Lenders trotz der Schwere des Themas ausstrahlte, war ein bemerkenswerter Optimismus. Diese Zuversicht trägt er offenbar auch familiär in sich: Sein Vater, selbst Überlebender eines Konzentrationslagers, suchte nach dem Krieg rasch wieder den Kontakt zu Deutschen. Eine Haltung, die Kommunikation, Zusammenarbeit und Versöhnung über alles stellt – wenn auch, so Lenders mit einem Schmunzeln, auf dem Fußballplatz die Aussöhnung bis heute manchmal an ihre Grenzen stößt.

Die Schülerinnen und Schüler des Geschichtsleistungskurses und der neunten Klassen verließen den Vortrag mit mehr als Faktenwissen: mit dem Eindruck eines Mannes, der Geschichte lebt, und mit der Gewissheit, dass Erinnern keine Pflichtübung ist, sondern eine Verantwortung, die jede Generation neu annehmen muss.

Vielen Dank, Herr Lenders, für Ihren Besuch in Emmerich!

(Text: Astrid Haumer; Foto: Wiel Lenders)