„Meet a Jew“ am Willibrord
Jüdinnen und Juden könnten wir theoretisch täglich begegnen und doch kommen wir selten bewusst miteinander ins Gespräch. Genau das will die Initiative „Meet a Jew“ ändern durch persönliche Aufeinandertreffen, die das oft abstrakte Bild von „den Juden“ aufbrechen und stattdessen authentische Gesichter, Geschichten und Perspektiven sichtbar machen.
Am Willibrord-Gymnasium hatten die Schüler*innen der evangelischen Religionskurse in der Oberstufe von Herrn Dr. Nebelung sowie des Geschichtsgrundkurses in der Q1 von Frau Haumer nun genau diese Möglichkeit. Im Rahmen der Initiative lernten sie zwei sehr unterschiedliche Menschen kennen: Jennifer, Studentin aus dem Ruhrgebiet, und Rainer, der kurz nach dem Zweiten Weltkrieg in Berlin geboren wurde und seit vielen Jahren in Hamminkeln lebt.
In einem 90-minütigen Gespräch erfuhren die Jugendlichen viel über jüdische Religion und Geschichte, aber es blieb nicht bei abstraktem Wissen. Persönliche und mitunter schmerzliche Erlebnisse der beiden Gäste machten greifbar, wie es sich anfühlt, als jüdischer Mensch heute in Deutschland zu leben. Diese Unmittelbarkeit war es, die die Begegnung besonders wertvoll machte.
Im Laufe des Gesprächs fragte Dilan aus dem Geschichtskurs Jennifer, warum sie an einem solchen Format teilnehme. Ihre Antwort brachte das Anliegen des Austausches auf den Punkt: Persönliche Begegnungen und echte Dialoge seien der wirksamste Weg, Vorurteile abzubauen – und das gelte nicht nur für die jüdische Community, sondern für alle gesellschaftlichen Minderheiten. An die zuhörenden Schüler*innen gerichtet, sagte Jennifer: „Denn ihr seid die Generation, die Veränderung bringen kann.“
Dass dieser Appell nicht ins Leere geht, zeigt ein Blick auf die aktuelle Lage. Der jüngst veröffentlichte Jahresbericht des Bundesverbandes der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus dokumentierte für das Jahr 2025 insgesamt 8.725 antisemitisch motivierte Vorfälle in Deutschland. Das entspricht, wie Herr Dr. Nebelung im Rahmen des Gespräches noch einmal betonte, knapp 24 Vorfällen pro Tag!
Der Besuch von Jennifer und Rainer war daher mehr als eine Unterrichtsstunde. Er war eine Einladung zum Nachdenken. Und ein Schritt hin zu einer Kultur, in der miteinander geredet wird, nicht übereinander.
(Text: Astrid Haumer/ Foto: Tim Nebelung)



